Audio-Tour Winterthur
105 Orte in Winterthur
Die man gesehen haben muss
Ca. 105 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss: von der Affenschlucht bis zum Zimmertheater Ariane. Ein Leseweg durch die ganze Stadt, mit Koordinaten für die Karte.
- 100
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Durch die ganze Stadt
105 Orte in Winterthur, die man gesehen haben muss: von der Affenschlucht bis zum Zimmertheater Ariane. Ein Leseweg durch die ganze Stadt, mit Koordinaten für die Karte.
Die 105 Orte verteilen sich über das gesamte Stadtgebiet. Öffne die Karte, wähle einen Ort und lies die Geschichte dazu.
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StartHauptbahnhof Winterthur
Willkommen zu einer Entdeckungsreise durch Winterthur: 105 Orte, die man gesehen haben muss. Sie führt vom Wasserfall in der Affenschlucht über verborgene Hinterhöfe, Brücken und Denkmäler bis zum Ein-Zimmer-Theater Ariane und verteilt sich über das gesamte Stadtgebiet. Lass dir Zeit, folge deiner Lust und Laune und öffne die Karte, wenn du den nächsten Ort suchst.
01Der PilzBahnhofplatz, 8400 Winterthur
Das grosse metallene «Lochblechdach» bemerkt wohl jeder als Erstes, der am Bahnhof die Treppe zum Bahnhofplatz hinaufsteigt. Scheinbar schwerelos schwebt es über den Stadtbussen, die darunter ein- und ausfahren. Schon während der Bauzeit sorgte das Bauwerk für Gesprächsstoff: Die einen priesen es als neues Wahrzeichen und Visitenkarte Winterthurs, die anderen sahen darin vor allem den Ausdruck eines Minderwertigkeitskomplexes gegenüber Zürich. Wer nach dem Besuch noch ausgehen will, bleibt am besten gleich hier: Im Salzhaus und im Bolero Club gibt es Partys und Konzerte, das «Theater am Gleis» bietet Alternativkultur, und Bars wie die Arch-Bar, das Zimmer 31 oder die Manta-Bar laden zum Ausklang.
02Der BergwegZürcherstrasse, 8400 Winterthur
Wer an der Zürcherstrasse auf der Höhe des Brühlgutparks in die Waldhofstrasse einbiegt und ihr 90 Meter folgt, steht unvermittelt auf einem Bergpfad, den es schon vor dem 19. Jahrhundert gab. Historiker haben herausgefunden, dass er um 1840 der einzige Weg durch die Rebberge auf den Brühlberg war. Der Abschnitt zwischen Brühlgutpark und Mythenstrasse erinnert tatsächlich an die steinigen Alpenpfade am Splügen-, Grimsel- oder Griespass: Zu schmal für grosse Fuhrwerke, dienten sie dem Transport von Lasten mit Eseln, Maulieren und Pferden – man nennt sie Saumpfade. Wer im Frühjahr oder Sommer vorbeikommt, kann in der bekannten Waldschenke auf dem Brühlberg einen Sonntagsbrunch geniessen (www.waldschenke-winterthur.ch).
03Die UnterführungZürcherstrasse, 8400 Winterthur
Die neue Bahnhofsunterführung verbindet den Bahnhofplatz mit dem Sulzer-Areal, den Archhöfen und der Rudolfstrasse. Wer hindurchgeht, sieht Stützträger in wechselnden Farben – von Dunkelviolett über Blau und Rosarot bis Blassgelb. Verantwortlich dafür sind zwei 48 und 45 Meter lange LED-Wände auf der Gegenseite, die von je 156 Leuchten erhellt werden und farbige Wolken zeigen, welche die Jahreszeiten abbilden: grünlich im Frühling, orange und rot im Herbst, je nach Tageszeit heller oder dunkler. Wer das Treiben beobachten und eine Kaffeepause einlegen möchte, findet auf der Seite des Kesselplatzes mehrere Cafés.
04Das KesselhausZürcherstrasse 1, 8400 Winterthur
Im ersten Stock des Kesselhauses am Eingang des ehemaligen Sulzer-Areals wird Industriegeschichte lebendig – in einer schicken Bar. Der Boilerroom liegt mitten in der einstigen Heizzentrale, von der aus sämtliche Gebäude des Areals beheizt wurden. An die ursprüngliche Nutzung des 18 Meter hohen Raums erinnern drei Kohlensilos hoch über den Köpfen der Gäste: Ab Ende der 1950er-Jahre befeuerten sie Dampfkessel, die stündlich 20 bis 25 Tonnen Dampf mit bis zu 400 Grad erzeugten. Jährlich verbrauchte Sulzer im Durchschnitt 4.000 Tonnen Kohle. Wer am Mittwochabend um 17 Uhr vorbeikommt, trifft in der Lounge Arbeitstätige zum Afterwork-Drink.
05Das Buswarte HäuschenVogelsangstrasse, 8400 Winterthur
Das Buswarte-Häuschen an der Vogelsangstrasse bei der Storchenbrücke wirkt wie aus der Zeit gefallen – als hätte die Stadtverwaltung das filigrane Gebäude aus den 1950er-Jahren vergessen und einfach stehen lassen. Der Eindruck täuscht: Seit 2009 steht es unter Denkmalschutz. Es ist das letzte seiner Art und entstand, als die Stadt die Tramlinien stilllegte und zwischen 1938 und 1951 flächendeckend Trolleybusse einführte. Ein noch älteres Exemplar steht beim Friedhof Rosenberg: Es wurde 1934 errichtet, drei Jahre nach der Buslinie vom Bahnhof zum Friedhof, und ist bis heute unverändert – sogar die Toiletten tragen noch die Aufschrift «Abort».
06Der BähnlerfriedhofVogelsangstrasse, 8400 Winterthur
Täglich fahren hundertausend Passagiere in den Zügen zwischen Winterthur und Zürich an einer stillen Gedenkstätte vorbei, ohne sie zu bemerken. Meist verstellen abgestellte Güterwaggons den Blick auf den «Bähnlerfriedhof», der versteckt an einem grasbewachsenen Abhang unterhalb der Vogelsangstrasse liegt, rund 200 Meter stadteinwärts von der Storchenbrücke. Begraben ist hier niemand, doch 45 kleine Gedenktafeln aus den Jahren 1901 bis 1971 erinnern an Rangierarbeiter der SBB, die beim Verschieben der Züge tödlich verunglückten. Wer der Bahngeschichte weiter nachspüren will, findet an der Zur-Kesselschmiede-Strasse, schräg gegenüber der Outback-Lodge, eine alte Lok-Drehscheibe, mit der Loks aus der früheren Fabrik auf die Schiene gebracht wurden.
07Der Skills ParkLagerplatz 17, 8400 Winterthur
In der Luft dreht der Mountainbiker eine schwungvolle Figur und reisst das Lenkrad herum, ehe er Sekunden später samt Gefährt auf dem dick gepolsterten weissen Luftkissen landet – zuvor ist er eine acht Meter hohe Rampe hinuntergerast und über eine Schanze gesprungen. Die «BigAir»-Anlage wird von Mountainbikern, Skatern, Snowboardern und sogar Trottinettfahrern genutzt und zählt zu den Hauptattraktionen der dreistöckigen, 6.000 Quadratmeter grossen Multisphalle im ehemaligen Sulzer-Areal. Nach vier Jahren Planung wurde sie im Dezember 2016 eröffnet und gilt als Europas grösste Sporthalle. Wer nur kurz hineinschnuppern will, löst für drei Franken ein Besucherticket, das sich im Café an ein Getränk oder eine Speise anrechnen lässt.
08Der KunstkastenKatharina-Sulzer-Platz, 8400 Winterthur
Auf knapp sechs Quadratmetern zeigt die kleinste Galerie Winterthurs am Rand des Katharina-Sulzer-Platzes zeitgenössische junge Kunst; 3,86 Meter misst sie in der Länge, 2,12 Meter in der Höhe. «Kunst muss unter die Leute», lautete der Gedanke der Initiatoren – und kaum ein Ort eignet sich dafür besser als das neu belebte ehemalige Sulzer-Areal. Die Firma Sulzer war von der Idee angetan und sicherte dem Kunstkasten nicht nur einen Platz, sondern stiftete auch den Sockel, auf dem er steht. Sechs Ausstellungen gibt es pro Jahr, wobei die Kuratorinnen auf Abwechslung achten. Rundherum lockt der Lagerplatz mit Kultur: das Kraftfeld mit Konzerten und Lesungen, das Alternativkino Cameo, das Restaurant Les Wagons und das Portier-Café.
09Der Sulzer-TowerWintower, Neuwiesenstrasse, 8401 Winterthur
Das metallgraue Hochhaus ist in Winterthur unübersehbar. Nach Plänen der Basler Architekten Suter & Suter erreichte das Sulzer-Hochhaus 1966 nach vierjähriger Bauzeit mit 26 Stockwerken 92,4 Meter Höhe – «gross, grösser, am grössten» scheint das Motto gewesen zu sein. Damit brach der Sulzer-Tower alle damaligen Schweizer Hochhausrekorde und blieb fast 40 Jahre das höchste Gebäude des Landes. Erst ab den 2000er-Jahren überholten ihn der Basler Messeturm (105 Meter), der Roche-Turm (178 Meter) und der Zürcher Prime Tower (126 Meter). In den Adventswochen wird das Hochhaus speziell beleuchtet: Auf der Fassade erscheint abwechslungsweise eine Kerze oder ein Tannenbaum, gesteuert von einer ausgeklügelten Computeranlage.
10Der Delphinplatz8400 Winterthur-Veltheim
Winterthur hat keinen See und keinen grösseren Badefluss – sehr zum Bedauern vieler Bewohner. Vielleicht war es diese Sehnsucht nach Wasser, die den Bildhauer Michael Rudolf Wening 1956 dazu brachte, einen bronzenen Delphin-Trinkbrunnen mitten in der dreieckigen Veltheimer Grünanlage aufzustellen. Der Platz an der Ecke Feldstrasse/Juchstrasse stammt vermutlich aus den 1920er-Jahren, als Veltheim ausgebaut wurde. Der etwas kitschige, wasserspeiende Delphin auf seinem Granitstein gab dem Park seinen Namen; dort stand er schon, bevor der Bahnübergang bei der Löwenstrasse verschwand. Wer danach einkehren möchte, findet im «Bunten Hund» an der Bachtelstrasse 72 im alten Dorfkern ein bekanntes Alternativlokal (www.bunter-hund.ch).
11Das SchwingermuseumSchwingermuseum und Restaurant Sternen, Löwenstrasse 4, 8400 Winterthur-Veltheim
Schwingen ist die schweizerischste aller Schweizer Volkssportarten: eine Art Ringkampf zwischen zwei kräftigen Gegnern, mit eigenen Griffen und Schwüngen wie «Brienzer», «Bur», «Kurz», «Übersprung» oder «Hüfter». Das ganze Jahr über messen sich die besten Schwinger an grossen und kleinen Festen in den Sägespan-Arenen; alle drei Jahre kürt das «Eidgenössische» einen Schwingerkönig. Der Sieger bekommt kein Geld, sondern oft einen «Muni», also einen Stier, oder Sachpreise wie Kuhglocken, Motorräder oder Kaffeemaschinen. Wer nach dem Besuch traditionell essen möchte, findet im Restaurant Sternen eine reiche Auswahl an Fleischspeisen und Schweizer Gerichten.
12Das Zimmertheater ArianeSchaffhauserstrasse 44, 8400 Winterthur
Wo früher Schuhe geflickt und Ballett getanzt wurden, ist seit 2014 das kleinste Theater Winterthurs zu Hause: das Ein-Zimmer-Theater Ariane. Hinter dem Blätterwerk der Bäume bei der Bushaltestelle Lindspitz liegt es in einem grossen Raum eines Backsteingebäudes aus der industriellen Blütezeit. Die Künstler haben den Raum eigenhändig mit Pinsel, grauer und roter Farbe zur Bühne umgestaltet – und zugleich einen Proberaum für ihre eingeschworene Truppe geschaffen. Theaterbegeisterte kommen mit der «Applauskarte» zum halben Preis in viele Kleintheater der Stadt, neben dem Ariane etwa ins Theater am Gleis, Theater Kanton Zürich, Casinotheater, Marionettentheater, Wolfershaus oder Theater Winterthur (https://applaus-winterthur.ch).
13Der BarfusswegRosentalstrasse, 8400 Winterthur-Veltheim
Barfuss durch den Matsch laufen, schlammige Lehmwürste zwischen den Zehen spüren und durch Pfützen hüpfen – Kinder lieben das. Auch Erwachsene hätten Freude daran und würden es den Kleinen gerne öfter gleichtun, wenn sie sich nur trauten. Denn wer wie ein übermütiges Kind aus der Rolle fällt, wild entschlossen in die nächste Pfütze springt und einen kleinen Tsunami auslöst, erntet von anderen Erwachsenen bestenfalls schiefe Blicke. Gegen diese ständige Anpassung liess die Stadtverwaltung in Veltheim beim unteren Walchweiher einen Barfussweg einrichten. Im Sommer lädt der Weiher zudem zum Baden ein, und am Ufer gibt es eine beliebte Grillstelle.
14Die MammutbäumeRosentalstrasse, 8400 Winterthur-Veltheim
Ende des 19. Jahrhunderts war die Oberschicht überzeugt: Je grösser und exotischer ein Baum, desto besser. Auch der damalige Winterthurer Stadtgärtner Max Siber liess sich anstecken. Zwischen 1896 und 1902 pflanzten er und seine Nachfolger exakt 87.600 fremdländische Bäume in den Winterthurer Wäldern – darunter nordamerikanische Roteichen, Douglasien und kalifornische Mammutbäume, die noch heute hier wachsen. Die gross angelegten Experimente sollten schnell wachsende Arten finden, um den Holzbedarf der rasch wachsenden Industriestadt zu decken. Wer mehr über die Herkunft dieser Exoten erfahren will, findet auf den Schautafeln bei den Mammutbäumen an den Weihern weitere Informationen.
15Der HolidiAm Rosenberg 5, 8400 Winterthur-Veltheim
Seit 1986 sass «Holidi» auf dem Kiesplatz am Oberen Graben, mitten in einer Baumallee: elf Meter lang, zwölf Tonnen schwer und im Volksmund wegen seines hölzernen Phallus auch «Pimmelmann» genannt. Im Auftrag des Schweizerischen Holzwirtschaftsverbands erbaut, war der Holzmann 30 Jahre lang ein beliebter Treffpunkt und für Generationen von Kindern ein Klettergerät. Morsch und verwittert lieben ihn die Winterthurer noch immer – und als der Stadtrat 2014 seine Entsorgung ankündigte, formierte sich Widerstand. Unermüdlich sammelten sie Unterschriften für «Rettet den Holidi»; 1.152 kamen zusammen. Die Kunstwerke des Friedhofs Rosenberg sind in der Broschüre «Friedhof Rosenberg, Gestaltung und Entwicklung» beschrieben; von hier sind es zudem nur wenige Gehminuten zum alten Grenzstein (Ort 34).
16Der SchützenweiherSchaffhauserstrasse 201, 8400 Winterthur-Veltheim
Ein riesiger knallroter Elefant mit leuchtend gelben Stosszähnen balanciert einen überdimensionierten, blitzblank polierten Golfball auf dem Rüssel und blinzelt die Minigolfbesucher schelmisch an. Er ist nicht allein: Minigolfplatz, Tanzhalle, Schnellimbiss und Restaurant haben ihren 70er-Jahre-Charme bewahrt – von der Beleuchtung über die Picknickbänke am Weiher bis zum Burger ohne Schnickschnack. Mancher, der über die schnelllebige Zeit klagt, sieht darin eine altbackene Anlage, die der Vergänglichkeit trotzt; anderswo in der Schweiz sind solche Vergnügungsstätten längst überbaut. Am Sonntag lässt sich im Restaurant Schützenweiher zwischen 9.30 und 14 Uhr vorzüglich brunchen (www.tanzhalle-schuetzenhaus.ch).
17Die SonnenbadeanstaltWolfensbergstrasse 64, 8400 Winterthur
«FKK Luft- und Sonnenbad» steht auf dem efeubewucherten Schild am Eingang des ehemaligen FKK-Bads. Am Anschlagbrett auf den dunklen Holzlatten des lang gezogenen Gebäudes erinnert ein vergilbtes Blatt mit den Worten «Sonnenbad geschlossen» daran: Seit Juni 2011 badet hier niemand mehr offiziell nackt. Hohe Mauer und Pfostenzaun umsäumen die 2.453 Quadratmeter grosse Parzelle und verwehren Neugierigen bis heute den Blick ins Innere; Zutritt gibt es nur mit Spezialschlüssel. Wer trotzdem schwimmen möchte, ist im Schwimmbad Wolfensberg gut aufgehoben: Mit seinem 1930er-Jahre-Flair zählt es zu den schönsten Freibädern der Stadt, und im Sommer finden dort Vollmondschwimmen und Lesungen am Pool statt.
18Das Bourbaki-DenkmalAm Rosenweg 5, 8400 Winterthur-Veltheim
Klirrende Kälte, Schneegestöber, aussichtslose Kämpfe – so muss man sich die Lage der französischen Ostarmee im Deutsch-Französischen Krieg 1870/1871 vorstellen. Unter General Charles Denis Sauter Bourbaki wurden die Truppen beim Rückzug nach Lyon von der preussischen Armee an die Schweizer Grenze gedrängt und vom Nachschub abgeschnitten. Nach Bourbakis Selbstmordversuch bat sein Nachfolger den Schweizer Bundesrat, die erfrierenden und hungernden Soldaten zu internieren. Am 1. Februar 1871 begann die Internierung in der Schweiz. Auf dem Friedhof Rosenberg erinnert heute ein Denkmal an die Soldaten der zweiten polnischen Schützendivision, die fast genau 70 Jahre später im Zweiten Weltkrieg in Winterthur interniert waren.
19Das TambürlihausTrottenstrasse 2, 8400 Winterthur
Ein Hof mit Haus, Scheune, Stall, Schopf, Schweineställen und Kräutergarten – so wird das Tambürlihaus um 1836 beschrieben. Bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts lebten seine Bewohner von Ackerbau, Viehzucht und Rebbau. Dass ein Bauerngehöft viel Platz braucht, zeigt sich noch heute: Das alte Anwesen im Veltheimer Dorfkern an der Trottenstrasse erstreckt sich über die Hausnummern 2 und 4. Die Fichten für den Bau wurden im Winter 1562/63 gefällt und stammen vermutlich alle aus demselben Waldstück; das Haus selbst entstand 1563, wie eine Inschrift auf einem Querbalken im südlichen Teil verrät. Wer dem Wanderweg bei der Kirche Richtung Stadt folgt, durchquert den alten Kern des früheren Weinbauerdorfs Veltheim mit zahlreichen historischen Bauten.
20Das BocciodromoFlüelistrasse 9, 8408 Winterthur-Wülflingen
Pétanque verbindet man mit südfranzösischen Dorfplätzen und schattenwerfenden Platanen – in Winterthur erlebt man eine Überraschung: Das Kugelspiel hat hier viele Anhänger und einen festen Platz im Alltag. Zwei Vereine organisieren es, der Pas-boule-tis und der Pétanque-Club Veltheim; gespielt wird nicht nur im Sommer unter Kastanien beim Altstadtschulhaus oder auf dem urigen Dorfplatz in Veltheim, sondern im Winter auch im beheizten Bocciodromo an der Flüelistrasse 9, das 1991 erstellt wurde. Am ersten Samstag im Mai und am letzten Samstag im August finden beim Altstadtschulhaus am Stadtpark Volksturniere statt, bei denen auch Laien spontan mitmachen können; Einschreibeschluss ist jeweils um 13 Uhr.
21Das Allmend GüetliWolfensbergstrasse, 8400 Winterthur-Wülflingen
Auf der Allmend-Gütli-Wiese oberhalb von Veltheim, von der aus man bis zu den Glarner Bergen blickt, wurden einst Ross und Reiter auf ihre Militärtauglichkeit geprüft. Bis 1961 war die Wiese dem Pferdetraining von Militärangehörigen vorbehalten, danach übernahmen die Mitglieder des Winterthurer Kavallerievereins. Als die Armee 1972 die Kavallerie-Division abschaffte, wurde Pferdesport als Freizeitbeschäftigung immer populärer – auch die jährliche Springkonkurrenz auf der Allmend-Gütli-Wiese wuchs, bis der Publikumsplatz knapp wurde und die Organisatoren in eine peinliche Lage brachte. Wer bei Sonnenuntergang von der Wolfensbergstrasse Richtung Chöpfli spaziert und zu den Rebhängen hinuntergeht, erlebt ein sensationelles Abendrot und kann im Restaurant Schloss Wülflingen ausklingen lassen.
22Die WeintrotteWülflinger Trotte, Weinbergstrasse 171, 8408 Winterthur
Winterthur gilt nicht gerade als Weinland, doch es gibt hier hochkarätige Tropfen – etwa in der Weintrotte der landwirtschaftlichen Schule Strickhof an der Weinbergstrasse oberhalb von Schloss Wülflingen. Im hübschen Riegelbau mitten im Weingebiet werden Trauben aus den umliegenden viereinhalb Hektaren Rebfeldern verarbeitet. Jährlich keltert man 25.000 bis 30.000 Liter Wein, das sind 36.000 bis 43.000 Sieben-Deziliter-Flaschen. Weitere bewirtschaftete Rebberge liegen am Gallispitz oder beim Goldenberg; die daraus gewonnenen Weine sind bei den Volg Kellereien in Wülflingen erhältlich.
23Die AffenschluchtWeiachstrasse, 8408 Winterthur-Wülflingen
Abgase, Lärm und Staub: Die viel befahrene Weiacherstrasse bei Wülflingen, die stadauswärts Richtung Pfungen führt, lässt nicht ahnen, dass wenige Meter unterhalb ein Badeparadies liegt. Die Winterthurer nennen es «Affenschlucht» – bekannt für den grossen Wasserfall und die Badebecken. Smaragdgrün schimmert das Wasser, ein breiter Kiesstrand säumt es, und kleine wie grosse Steinplanschbecken üben eine unwiderstehliche Magie aus: In den kleineren sitzt man wie in einer Badewanne, in den grösseren steht man brusttief im Wasser. Wer den Geruch nicht scheut, steigt auf die Aussichtsplattform der Kläranlage Hard und geniesst den weiten Blick über die Töss; sie ist nur wenige Gehminuten entfernt (Weiacherstrasse Richtung Pfungen, Brücke bei der Hardgutstrasse überqueren, dann dem Wanderweg Richtung Wülflingen folgen).
24Die HardstudiosHard 11, 8408 Winterthur-Wülflingen
Unzählige Künstler haben in den Hardstudios in der alten Spinnerei am Dorfausgang von Wülflingen ihre Stimme verewigt – Udo Jürgens etwa, der wenige Wochen vor seinem Tod auf dem Steinway-Flügel im «Tonstudio A» für seine letzte Show aufnahm. Auch DJ Antoine, Dieter Meier von Yello, Francine Jordi, Züri West und Bastian Baker entdeckten die Winterthurer «Ton-Perle», meist durch Mund-zu-Mund-Propaganda. In den vier Studios lassen sich viele Stimmen und Instrumente gleichzeitig aufnehmen, abmischen, auseinanderschneiden und neu zusammensetzen; ein Album entsteht in etwa 50 bis 60 Minuten, je nach Musikstil. Ein historischer unterirdischer Kanal führt von den Hardstudios direkt zu den Wasserfällen bei der Affenschlucht – die Begehung lässt sich mit einer Studioführung verbinden.
25Die KlosterruineObere Multbergstrasse, 8408 Winterthur-Wülflingen
Die neun Mönche, die in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts im Kloster Mariazell auf dem Beerenberg bei Wülflingen lebten, hatten es offenbar komfortabel: Eine überdimensioniert grosse Kirche mit Kreuzgang, ein Verwaltungssitz mit Kranken- und Gästeräumen, eine beheizbare Badstube für Waschen und Krankenbehandlung, ein Konventsgebäude, eine Latrine und ein Wohngebäude gehörten dazu. Die aus der Winterthurer Oberschicht stammenden Mönche tranken und assen aus wertvollen Bechern aus blauem Glas und aus Stein, die aus dem elsässischen Mutterkloster stammten. Nur wenige Gehminuten entfernt liegt die idyllische Kunstgalerie Weiertal an der Rumstalstrasse, deren Sommerveranstaltungen die Winterthurer ins abgelegene Tal locken.
26Das Grotto MaienriedMaienriedweg 42, 8408 Winterthur-Wülflingen
Für Tessiner Entspannung und ein echtes Risotto muss man nicht vor dem Gotthard im Stau stehen: Am Rande von Wülflingen betreiben Hans und Anna seit 2012 am Maienried 42 mit ihrem «Grotto» nebenberuflich ein Restaurant im Freien. Hans wuchs im Quartier auf, kletterte als Kind über Stock und Stein des damaligen Nachbargrundstücks und naschte im Keller vom Apfelmost des Besitzers. Heute gehört ihm das 1.300 Quadratmeter grosse Grundstück, das sich vom waldüberwucherten Land in eine kleine Tessiner Oase mitten im Neubauquartier verwandelt hat. Serviert werden ausschliesslich Tessiner Spezialitäten. Vier Mal im Jahr kochen Hans' Kollegen zu Gast, etwa Tessinerbraten, Polenta oder Capuns; Daten und Spezialitäten stehen auf der Website.
27Der TaggenbergTaggenbergstrasse 86a, 8408 Winterthur
Zwei imposante, 18 Meter hohe Windräder mit 13 Meter langen Rotorblättern ragen schon von Weitem auf dem Taggenberg am Rand von Wülflingen empor. Seit 2002 erzeugen sie an dieser exponierten Lage jährlich so viel Strom wie etwa sechs Einfamilienhäuser im selben Zeitraum. Beeindruckend ist neben der gewaltigen Anlage der überwältigende Rundblick: An diesem abgeschiedenen, bei Winterthurern wenig bekannten Ort liegt einem die Stadt zu Füssen. Wer exklusiv essen möchte, sollte sich das Restaurant Taggenberg an der Taggenbergstrasse 79 nicht entgehen lassen (www.restaurant-taggenberg.ch): Leichte französische Küche, vornehmlich saisonale Produkte – eine Tischreservation empfiehlt sich.
28Das Neuburg-QuartierNeuburg, 8408 Winterthur-Wülflingen
Felder, Wiesen, Äcker und Wälder, so weit das Auge reicht: Rund 30 Gehminuten vom Bahnhof Wülflingen entfernt liegt eine wildromantische Gegend wie aus einem alten Landschaftsgemälde. Auf einer Anhöhe zwischen Dättnauertal, Rumstal und Chomberg befindet sich das ehemalige Weinbaudorf Neuburg, dessen Name von einer nahen Burgruine stammt. Wer hindurchgeht, fühlt sich ins 19. Jahrhundert versetzt, als die rund 170 Dorfbewohner auf zehn Hektaren Reben anbauten und vom Weinbau lebten. Einige Gebäude zeugen noch davon, etwa das Riegelhaus am Dorfeingang, in dem bis in die 1880er-Jahre Wein gekeltert wurde. Wer dem Wanderweg Richtung Töss folgt, sieht auf halber Strecke die Ruine Alt-Wülflingen: einst habsburgischer Besitz, mehrfach weiterverkauft und um 1644 verlassen; die Stadt nutzte den Turm bis ins 18. Jahrhundert als Gefängnis und die Nebenbauten als Steinbruch.
29Die TrafostationNeuburgstrasse, 8408 Winterthur
Der weissgelb bemalte, efeubewachsene Trafoturm ragt im abgelegenen Aussenquartier Neuburg hoch über Wülflingen in den Himmel. Die Kabel unter dem Giebel, die einst Strom zum Transformator führten, sind längst verschwunden; heute hängen dort eierschalenförmige Nisthilfen für Mehlschwalben, Unterschlüpfe für Fledermäuse und ein Bienenhotel aus Backsteinen und Holzscheiben. In den Steinhaufen am Fuss können sich Eidechsen verstecken. Wie die meisten historischen Trafostationen der Stadt wurde auch diese im frühen 20. Jahrhundert errichtet. Weitere Exemplare mit Backsteinverzierungen stehen an der J.-C.-Heer-Strasse in Töss, an der Mettlenstrasse 19 in Hegi und an der Eidbergstrasse 75 beim Schulhaus.
30Das TotentäliAufstieg zum Totentäli bei der Bahnstrasse, 8408 Winterthur
Geburtshelferkröte, Salamander, Bergmolch und Gelbbauchunke haben im Totentäli eine zweite Heimat gefunden. Wer das lang gestreckte Naturschutzgebiet unweit des Bahnhofs Wülflingen durchwandert, fühlt sich weit weg von der Stadt, inmitten einer «heilen» Bergwelt, in der kein Stadtgeräusch die Ruhe stört. Der Waldweg führt an etlichen Weihern vorbei, wo sich weiss behelmte Schilfhalme im Wind wiegen, Frösche laut quaken und blau schillernde Libellen durch die Luft surren. Ob die Stille dem Tal den Namen gab, ist unter Wissenschaftlern umstritten – Paradies ist es so oder so, allerdings ein menschgemachtes: 1971 gruben Stadtbagger tiefe Weihermulden aus. Linker Hand führt der Schmetterlingsweg über eine steile Holztreppe auf eine Anhöhe mit schöner Aussicht auf Wülflingen.
31Die SchlosstalbrückeSchlosstalstrasse, 8408 Winterthur-Wülflingen
«Sie sieht aus, als ob sie von selbst gewachsen ist und eine Verbindung über den Fluss gesucht hat», sagte Max Bill über die Brücke, die Robert Maillart entwarf und 1934 beim Schlosshof in Wülflingen errichten liess. Der 14 Zentimeter starke Stahlbetonbogen, die Breite von zweieinhalb bis drei Metern und die Spannweite von 38 Metern machen die elegante Tössbrücke im Schlosstal zu einem kleinen Abbild von Maillarts Meisterwerk, der Salginatobelbrücke bei Schiers. Diese überspannt 90 Meter und wurde von der Amerikanischen Ingenieurvereinigung zum «World Monument» erklärt. Wer die Töss stadteinwärts entlangläuft, erreicht nach knapp 15 Minuten die Metzgerstrasse-Brücke, die nach dem Hochwasser von 1876 im Jahr 1881 erbaut wurde.
32Die J.-C.-Heer-GedenkstätteBrühlberggrundstrasse, 8400 Winterthur
Es hätte ihm wohl gefallen: hoch am Brühlberg, direkt am Waldrand, mit Blick auf sein Geburtshaus in Töss. Heimat, Weitsicht und eine Landschaft, die J. C. Heer in autobiografisch gefärbten Romanen wie «Joggeli» immer wieder aufleben liess. Er war einer der erfolgreichsten Schweizer Schriftsteller seiner Zeit, seine Bücher erreichten Auflagen bis 330.000 Stück und wurden mehrfach verfilmt. Töss blieb er bis zuletzt verbunden: Noch auf dem Sterbebett wünschte er, seine Asche «angesichts seines Geburtshauses» zu bestatten – ein Wunsch, der sich erst drei Jahre nach seinem Tod, 1928, erfüllte und wohl ganz nach seinem Geschmack romantisch inszeniert wurde. Sein Buch «Der König von Bernina» wurde unter anderem 1929 mit Ernst Lubitsch verfilmt; eine Strasse ist nach einer seiner Romanfiguren benannt (siehe Ort 1), und sein Geburtshaus steht an der J.-C.-Heer-Strasse 7.
33Der FriedliwegFriedliweg, Ecke Emil-Klöti-Straße, 8406 Winterthur-Töss
Hinter vielen Strassennamen steckt eine Geschichte – heiter, spannend oder traurig, wie beim Friedliweg unterhalb des Schulhauses Rebwiesen in Töss. Wer war Friedli? «Friedli Stahr, Pseudonym für Ida Elise Steinemann, 1859–1876, Jugendliebe von Jakob Christoph Heer», steht in weissen Lettern auf dem dunkelblauen Schild. In seinem autobiografischen Roman «Joggeli» erzählt J. C. Heer (siehe Ort 43) in der Figur des Jakob Sturm von den tragischen Umständen, unter denen seine Jugendfreundin Ida stirbt. Als Tochter eines Rieter-Prokuristen verbrachte sie ihre frühen Kindheitsjahre mit ihrem Bruder in behüteten Verhältnissen in einem Herrschaftshaus in Töss. Ihr unauffälliger, kitschiger Grabstein mit Kreuz und Anker steht auf dem efeubewachsenen Platz unter den Bäumen beim reformierten Pfarrhaus am Lindenplatz.
34Das Nägelsee-KanalbadMetzgerstrasse / Emil-Klöti-Strasse, 8406 Winterthur-Töss
Einst planschten die Kinder der Rieter-Fabrikarbeiter im Nägelsee-Kanalbad an der Metzgerstrasse auf dem Gelände der Firma Rieter in Töss. Kanal und angrenzendes Nichtschwimmerbecken waren ein beliebtes Freibad, das die Tössemer an warmen Sommertagen über Jahrzehnte bevölkerten: Die Kleinen tollten im Becken, die Grossen liefen flussaufwärts und schwammen den Rieter-Kanal hinunter. Als 1970 die Badeanstalt Auwiesen eröffnete, waren die Tage des charmanten Kanalbads gezählt; es wurde geschlossen, das hölzerne Garderobenhäuschen und das Nichtschwimmerbecken abgebrochen. In unmittelbarer Nähe, an der J.-C.-Heer-Strasse 7, steht das Geburtshaus des Dichters J. C. Heer (siehe Ort 43), an das neben dem Strassennamen ein Schild an der Fassade erinnert.
35Das Rieter-Kanal-Wehr8406 Winterthur-Töss
Vom industriell genutzten Kanal, der einst Wasser zur Maschinenfabrik Rieter leitete und dort die Turbinen antrieb, ist kaum noch etwas zu sehen. Wer dem schmalen Trampelpfad bei der Auwiesenstrasse folgt, der sich an der lang gezogenen Wohnüberbauung vorbeischlängelt, kann erahnen, wo er verlief: dort, wo der Weg auf einer kleinen Anhöhe parallel zur Töss führt. Der Rieter-Kanal existierte bis in die 1990er-Jahre und wurde erst zugeschüttet, als das Grundstück bei der Neumühle bebaut werden sollte; «Sicherheitsbedenken» und die Angst vor Überschwemmungen bewogen die Bauherren dazu. Gleich gegenüber dem Wehr liegt eine besonders beliebte Badestelle an der Töss, mit Grillplatz und flachem Wasser zum Planschen.
36Die Max-Bill-SkulpturUntere Schöntalstrasse 12, 8406 Winterthur-Töss
Wie riesengrosse, ineinander verschachtelte Tore wirkt die Skulptur aus italienischem Granit, die Max Bill 1994 entwarf. Drei Jahre nach seinem Tod wurde sie nach seinen Plänen vor den Betriebsgebäuden der Stadtwerke an der Unteren Schöntalstrasse errichtet. Die Pavillon-Skulptur ist das grösste öffentlich zugängliche Kunstwerk Winterthurs und gehört zu einer Werkgruppe, die in mehreren Städten steht – darunter jene an der Zürcher Bahnhofstrasse, wo Max Bills Asche nach seinem Tod 1994 verstreut wurde. Geboren 1908 an der Rudolfstrasse als Sohn eines Bahnhofvorstands, verbrachte Bill seine Jugend in Winterthur. Sein Geburtshaus an der Rudolfstrasse 2 steht noch; seit 2008 erinnert eine Tafel an den «vielseitigen Kunstschaffenden Max Bill (1908–1994)».
37Das Forum ArchitekturZürcherstrasse 43, 8400 Winterthur
Nach den ursprünglichen Sulzer-Plänen von 1989 sähe das 150.000 Quadratmeter grosse Sulzer-Areal heute völlig anders aus: Statt des Nebeneinanders von Neu und Alt stünde kein Stein mehr auf dem anderen. «Winti-Nova» hiess das Projekt, das die historische Industriearchitektur zerstören wollte und in der Bevölkerung einen Aufschrei auslöste. Die Stadt brachte alle Beteiligten in einem Diskussionsforum zusammen, in dem Betroffene ihre Wünsche einbringen konnten. Daraus entstand ein Arbeitspapier, auf dessen Grundlage Sulzer einen Architekturwettbewerb ausschrieb – 1992 gewann ihn der Pariser Architekt Jean Nouvel mit «Megalou». Ein Spaziergang durch die ehemals «verbotene Sulzer-Stadt» lohnt sich, entsteht hier doch ein neues Stadtquartier mit Bars, Restaurants und Ausgehmöglichkeiten.
38Die ArbeiterhäuserJägerstrasse 25, 8400 Winterthur
Liverpool-Flair mitten in Winterthur? Die ehemaligen Arbeiterhäuser an der Jägerstrasse 25–47 ähneln englischen Reihenhäusern tatsächlich – kein Zufall, denn ihr Architekt orientierte sich 1871/1872 beim Bau für die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) an den Liverpooler Cottages. Nach der ersten Häuserreihe folgten zwei weitere Etappen; 1890 entstand an der Jägerstrasse das letzte von insgesamt zwölf Arbeiterhäusern, die damals in der Schweiz einzigartig waren. Die Aufteilung blieb gleich: unten das Wohnzimmer, dahinter die Küche mit Garten, oben die Schlafzimmer. Zwischen 1865 und 1874 liess Fabrikant Heinrich Rieter an der Rieterstrasse in Töss eine Arbeitersiedlung mit zwölf Doppeleinfamilienhäusern, einem Mehrfamilienhaus und einem Wäschehaus bauen – eine der ältesten der Schweiz, weitgehend erhalten.
39Das CameoLagerplatz 19, 8400 Winterthur
Alfred Hitchcock vergnügte sich damit, in seinen Filmen kurz durchs Bild zu flitzen; solche Kurzauftritte berühmter Stars heissen «Cameo». So heisst auch Winterthurs Alternativkino: Wären nicht die Vitrine mit dem aktuellen Programm und der neonfarbene Schriftzug an der Fassade, könnte man den schokoladenfarbenen Bau glatt für einen überdimensionierten Koffer halten, den jemand versehentlich auf einem überdachten Lagerplatz abgestellt hat. Tatsächlich gehörte der Unterstand zur Halle 192, in der Sulzer Betriebsmaterialien lagerte; beim Umbau zum Kino blieb er so weit wie möglich im Originalzustand. Ein zweites alternatives Kino besitzt Winterthur mit dem Kino Nische im Kulturzentrum Gaswerk (www.kinonische.ch).
40Das DampfzentrumLagerplatz 27, Halle 181, 8400 Winterthur
Wo einst Schiffe gebaut und riesige Bleche zusammengeschweisst wurden, dampft, quietscht und zischt es seit 2012 wieder wie zur Gründerzeit. Die Dampfmaschinen in der ehemaligen Sulzer-Industriehalle stammen aus den Jahren 1859 bis 1970 und wurden von Freiwilligen liebevoll renoviert. Schiffsmaschine, Baumaschine, Lokomotive oder Dampfmaschine zur Stromerzeugung: In der rund 600 Tonnen schweren Ausstellung fehlt fast kein Wirtschaftsbereich, und einige Exponate wurden sogar in Winterthur gebaut und genutzt – etwa die dunkelgrüne SLM-Werkslokomotive, die bis 1972 im Sulzer-Areal Waren transportierte, heute aber vom Zahn der Zeit gezeichnet ist. Mittwochs können Besucher an öffentlichen Arbeitstagen zwischen 9 und 17 Uhr den Profis beim Instandsetzen über die Schulter schauen.
41Die StorchenbrückeStorchenbrücke, 8400 Winterthur
Für einen Storch, der mit einem Bein im Wasser steht, braucht es bei dieser Schrägseilbrücke viel Fantasie. Auch die weiss bemalten Storchenfedern auf den Gehwegen ändern nichts daran, dass das Bauwerk mit einem schwarz-weiss geflügelten Vogel kaum etwas gemeinsam hat. Storch hin oder her: 38 Meter hohe Stahlträger und weit gespannte Kabel mit Spannweiten zwischen 61,2 und 63,3 Metern beeindrucken. Zwei Kabel bestehen aus faserverstärktem Kunststoff und wurden hier weltweit erstmals versuchsweise in einer Brücke verbaut; Sensoren übermittelten im Minutentakt Belastungswerte an einen zentralen Rechner. Wer die Brücke überquert und nach oben blickt, sieht eines der meistfotografierten Winterthurer Brückenmotive – ein bisschen wie in San Francisco. Richtung Tössfeld und rechts gehalten, ist man zudem in wenigen Minuten im alternativen Kulturviertel auf dem Sulzer-Areal.
42Der NationalbahnzaunEcke Dammstrasse / Freiestrasse, 8406 Winterthur-Töss
Der Zaun entlang der Freiestrasse im Tössfeld wirkt unspektakulär – wäre da nicht ein Detail: Als Pfosten dienen alte, rostige Bahnschienen aus dem 19. Jahrhundert. Historiker vermuten, dass sie von der Nationalbahn stammen, jener Bahn, die 1878 die grösste Bahnpleite aller Zeiten verursachte. Die ältesten Schienen sollen 1875 auf der Strecke Winterthur–Bauma verbaut gewesen sein, jene von 1876 auf den Strecken Winterthur–Koblenz und Winterthur–Zofingen. Ursprünglich sollte die Nationalbahn das «volksnahe» Gegenstück zum Projekt des mächtigen Industriellen Alfred Escher werden und vom Bodensee bis zum Genfersee reichen – mittendrin Winterthur. Die Vision stammte vom damaligen Stadtpräsidenten Johann Jakob Sulzer. Ganz in der Nähe, an der Grenzstrasse 7, kocht der Chef des Restaurants «Grüner Hund» persönlich mit saisonalen, marktfrischen Produkten aus der Region (www.gruenerhund.ch).
43Entlang des TössufersKlosterstrasse, 8406 Winterthur
Lange war die «wilde Töss» in einen engen Kanal eingesperrt. Auf ihrer ganzen Länge kanalisierten und begradigten die Winterthurer das ihnen unheimliche Gewässer, das immer wieder verheerende Überschwemmungen auslöste – wie 1876, als ein grosser Teil des Dorfs Töss zerstört wurde. Aus Angst vor dem Wasser «bremsten» sie die Töss Ende des 19. Jahrhunderts mit vielen Schwellen aus. Erst ein Jahrhundert später, als die hölzernen Schwellen baufällig wurden, endete die Begradigungsbegeisterung; alle zu ersetzen war aufwendig und teuer. Heute kann man die Töss auf beiden Ufern entlanggehen, auf einem Trampelpfad oder auf einem breiteren Waldweg. Etwa auf halber Strecke führt ein Wanderweg zur Kyburg mit Museum und gleichnamigem Weiler, wo es verschiedene Einkehrmöglichkeiten gibt.
44Die HaselmausbrückeBannhaldenstrasse, 8406 Winterthur-Töss
Die putzige, daumengrosse Haselmaus mit 15 bis 30 Gramm Körpergewicht bekommt man in der Schweiz kaum noch zu Gesicht; weltweit steht sie auf der Roten Liste der gefährdeten Arten. Einer der wenigen Orte, an denen sich die nachtaktiven Säuger noch heimisch fühlen, liegt in der Nähe des Reitplatzes in Winterthur-Töss. Wer das Tierchen erspähen will, blickt bei Nacht ins Zweiggewirr der Bäume und Büsche, wo sich die Haselmäuse aus Angst vor Fressfeinden aufhalten und wie winzige Äffchen von Ast zu Ast hangeln. Im Frühjahr liegt hier zudem eine Wiese voller Löwenzahnblüten – ein wunderbarer Anblick.
45Die SternwarteSternwarte Eschenberg, Burgstallstrasse, 8412 Winterthur
Winterthur gibt es auch in astronomischer Höhe: Der gleichnamige Asteroid mit fünf Kilometern Durchmesser umkreist zwischen Mars und Jupiter die Sonne, mit 18 Kilometern pro Sekunde. Für eine Umrundung braucht «Winterthur» rund viereinviertel Jahre und nähert sich der Erde bis auf 195 Millionen Kilometer; er leuchtet so blass wie eine Kerze aus 2.500 Kilometern Entfernung und ist mit blossem Auge nicht zu sehen. Entdeckt wurde das himmlische Gegenstück in der renommierten Sternwarte Eschenberg, die 1979 erbaut wurde und auf einer Waldlichtung südlich des Restaurants Eschenberg steht. Bei Himmelsereignissen wie einer Sternschnuppennacht veranstaltet die Sternwarte besondere Events, zu denen meist mehrere hundert Besucher kommen.
46Das ParadiesliSennhofweg, 8405 Winterthur-Seen
Kaum sind die ersten Schneeflocken gefallen und haben den Hügel oberhalb des Bühlackerwegs in Seen weiss überzogen, wird das «Paradiesli» bei schönem Winterwetter zum Schlittelmekka der Winterthurer. Alt und Jung tummeln sich auf dem schmalen Feldweg am Rand des steilen Hangs unterhalb des Eschenbergs und gleiten in tollkühnem Tempo hinunter. Die Kleineren ziehen ihre Schlitten den Hang hinauf, um wieder hinabzusausen; die Grösseren bauen Schneeschanzen für weitere Sprünge, liefern sich Schneeballschlachten oder formen am Pistenrand schiefe Schneemänner. Weitere Schlittelwege gibt es in Oberwinterthur am Tössertobel bei der Rychenbergstrasse oder an der Wolfensbergstrasse oberhalb der Chalets.
47Die SchrebergartenparadieseEcke Steinackerweg/Waldeggstrasse, 8405 Winterthur-Seen
Kaum eine andere Stadt hat so viele begeisterte Hobbygärtner wie Winterthur: 2015 zählte man auf 48.444 Aren rund 3.000 «Pünten» – Gärten, in denen von Frühjahr bis Spätherbst Gemüse und Obst für den Eigenbedarf wächst, im Gegensatz zu den reinen Erholungs-Schrebergärten. Auf diesen Unterschied legen die Winterthurer Wert. Angebaut wird, was die Erde hergibt: Bohnen, Salate, Kartoffeln, Kohl, Lauch, Weinreben, Apfel- und Zwetschgenbäume. Dabei kommen Menschen vieler Nationen auf engstem Raum zusammen – Völkerverständigung wird hier tatsächlich gelebt. Besonders sonntags ist der Gehweg entlang des Mattenbachs beliebt; auf der anderen Bachseite verläuft ein Fahrradweg, der auch zum Inline-Skaten taugt.
48Der SässelIbergstrasse, 8405 Winterthur-Seen
Für Ruhe und einen Blick ins Grüne muss man keine Berge erklimmen – in Winterthur genügen manchmal zehn Minuten Fussmarsch, um den Blick schweifen zu lassen und sich fernab der Zivilisation zu wähnen. Ein Beispiel: der Spaziergang vom ländlichen Eidberg mit weiten Feldern, Bauernhäusern und frei laufenden Hühnern zum idyllischen Aussichtspunkt «Sässel», erreichbar über Feld-, Wald- und Wiesenwege. Auf 592 Metern über Meer bietet er eine Weitsicht über das Tösstal mit Hügeln, Tälern und Wäldern; bei schönem Wetter reicht der Blick bis zu den Glarner Alpen. Die 150-jährige Linde am Rand des Platzes zählt zu den meistfotografierten Landschaftsobjekten Winterthurs.
49Das Bosshard-DenkmalReformierte Kirche Winterthur, Tösstalstrasse 276, 8405 Winterthur-Seen
«Lasst hören aus alter Zeit, von kühner Ahnen Heldenstreit, von Speerwucht und wildem Schwertkampf» – so beginnt das Sempacherlied, mit dem die Schweizer den Sieg über die Habsburger von 1386 feiern. Verfasst hat es Heinrich Bosshard, geboren am 8. April 1811 in Kollbrunn, das damals zu Seen gehörte. Als Sohn eines Schuhmachers und Kleinbauern wuchs er in ärmlichen Verhältnissen auf; besonders förderte ihn der Seemer Pfarrer, der ihn zum Eintritt ins neu gegründete Lehrerseminar ermutigte. Die Wahl passte zu Bosshards Neigungen: Nach bestandenem Examen unterrichtete er 17 Jahre an der Schwamendinger Schule. Der vollständige Liedtext steht unter www.tell.ch/schweiz/sempacherlied.htm; Abenteuerlustige folgen dem Feldweg hinter der Kirche bis zum Wald und geniessen die Weitsicht auf die Felder bei Seen.
50Das Restaurant FrohsinnHulmenweg 33, 8405 Winterthur-Seen
Dem gelb beschilderten Wanderweg von Oberseen zum 130 Einwohner zählenden Weiler Eidberg folgend, geht es zwischen Äckern und Kuhwiesen eine halbe Stunde steil bergauf. Oben wird man mit einem Rundblick über ganz Winterthur belohnt, bei schönem Wetter bis in die Alpen. Die Landschaft lädt zu ausgedehnten Spaziergängen ein, etwa nach Oberricketwil, wohin der Weg bei der Pferdekoppel führt; über Winterthur-Hegi oder Seen lässt sich die Gehzeit um zwei Stunden verlängern. Wer vom Aufstieg erschöpft ist, macht im lauschigen Garten des Ausflugsrestaurants Frohsinn eine wohlverdiente Pause – besonders an warmen Sonnentagen. Sportlich Ambitionierte steigen vom Eidberg weiter zum Hulmen auf, mit 682 Metern der höchste Punkt Winterthurs.
51Die KöhlereiKirchweg, 8352 Ricketwil
Schon von Weitem riecht es nach verbranntem Holz, wenn man der Waldstrasse von Ricketwil nach Seen folgt. Auf einer Lichtung steht schliesslich ein übergrosses, maulwurfhügelartiges Gebilde, aus dessen Mitte weissliche Rauchschwaden aufsteigen. Kein mystisches Waldritual, sondern Tradition: Im Kohlenmeiler stellt die Köhlerei Andelbach Holzkohle her. Das Handwerk will gelernt sein, damit das Holz zu Kohle wird und nicht zu Asche zerfällt; der Köhler schichtet Holzscheite kreisförmig auf, lässt in der Mitte ein Loch und deckt alles mit Reisig, Heu und Kohlenstaub ab. Nach dem Abbrennen findet jeweils ein Köhlerfest statt, dessen Termine auf www.kohlenmeiler.ch stehen.
52Das MorgenlandErwin Schatzmann, Hegibergstrasse 16, 8409 Winterthur-Hegi
Der fröhlich-bunte Fahnenwald des Morgenlands ist schon von Weitem zu erkennen. Wer das im Osten Winterthurs beim Industriequartier am Hegiberg gelegene «Refugium für gefährdete Kunstwerke» betritt, landet in einer farbigen Wunderwelt aus Fabelwesen, Naturgöttinnen und Krafttieren. Im verwinkelten Bretterbau reihen sich meterhohe Zwiebeltürme und Bärenmenschen, in Nischen stehen Nippesfiguren, und gemusterte Christbaumkugeln hängen von den Wellblechdächern. In diesem Gewimmel fühlt man sich nach Indien oder Pakistan versetzt – Länder, die Erwin Schatzmann in jungen Jahren bereiste und deren Eindrücke ihn beim Bau inspirieren. Der See, über den abgestimmt wurde, sollte im Mattenbach-Quartier entstehen, beim Waldeggweg auf der Wiese zwischen zwei Pünten-Arealen.
53Der Baum mit GrundstückEcke Birchstrasse / Im Ifang, 8400 Winterthur-Hegi
Von der Anhöhe der weiten Felder im Hegi sieht man sie schon: die prächtige Stieleiche, Quercus robur. Eichen sind in Mitteleuropa heimisch, doch diese ist besonders: Sie steht mitten im sommerlichen Maisfeld im Hegemer «Chartenbül», und der Bauer liess ringsum Abstand, sodass man unter ihr herumgehen kann, ohne ein Maisblatt umzuknicken – was Spaziergänger offenbar tun, wie der ausgetretene Graspfad verrät. Rund 250 Jahre soll die Eiche alt sein; von Weitem wirkt sie, als hätte ein Blitz sie in zwei Hälften gespalten. Von hier lassen sich stundenlange Wanderungen auf gelb ausgeschilderten Wegen zu Winterthurer Vororten wie Wiesendangen, Räterschen oder Elsau unternehmen.
54Die Sagi ReismühleReismühleweg, 8409 Winterthur-Hegi
Langsam hebt und senkt sich das Sägeblatt und frisst sich Zentimeter für Zentimeter durch den sechs Meter langen Stamm; mit jedem Hub der stählernen Zacken rückt das Holz weiter, und nach rund zehn Minuten ist das erste Brett fertig – dann beginnt alles von vorn. Eine normale Sägerei? Nicht ganz: Die Sagi Reismühle in Hegi wird von einem vier Meter grossen Wasserrad angetrieben. Die Mühle am Eulach-Kanal blickt auf eine lange Geschichte zurück; über Namensgebung, erste Besitzer und Baujahr rätseln Historiker, doch 1429 wird sie erstmals in einem amtlichen Schriftstück erwähnt, als «Uli Müller zu der Reismühle» ein Stück Ackerland pachtet. Nur wenige Gehminuten entfernt liegen das Schlossmuseum Hegi und der Eulachpark.
55Die verirrte KanonenkugelSchloss Hegi, Hegifeldstrasse, 8409 Winterthur
«Liberté, Égalité, Fraternité» klingt nach einer guten Idee, hatte aber für viele Länder, Städte und Dörfer fürchterliche Folgen. Auch Winterthur blieb von den Wirren der Französischen Revolution nicht verschont, verwandelten die daraus entstandenen Kriege Europa doch in ein riesiges Schlachtfeld – mit Winterthur mittendrin. Zwischen 1798 und 1802 wurde die Stadt zweimal von französischen und einmal von russischen und österreichischen Truppen besetzt; 3.000 Stadtbewohner mussten rund 200.000 fremde Soldaten durchfüttern, und die durchziehenden Heere scheuten sich nicht, den Einwohnern das letzte Hemd zu stehlen. Der ehemalige Esel- und Hühnerstall auf dem Schlossgelände ist heute eine Schenke, die von Mai bis Oktober geöffnet ist; auf dem Schlossgelände gibt es zudem Veranstaltungen vom Mittelaltertag über den Setzlingsmarkt bis zum Blueskonzert.
56Der StinkbergRietbergstrasse, 8404 Oberwinterthur
Es war ein Bild, wie man es heute aus Drittweltländern kennt: rauchende, stinkende, stetig wachsende Abfallberge. Als der städtische Abfallberg am Rietberg in den 1960er-Jahren eine Rekordhöhe von 30 Metern erreichte, muss es dort enorm gestunken haben. Die Deponie in Oberwinterthur war Ende der 1950er-Jahre die letzte, die den wachsenden Abfall noch schluckte, weshalb ab 1959 ganz Winterthur seinen Hauskehricht dorthin brachte. Für die Anwohner war der Gestank ein einziges Ärgernis – so wurde der Rietberg zum «Stinkberg». Wer die steile Holztreppe bei den Schrebergärten hinaufsteigt, hat einen Weitblick Richtung Hegi; rund um den Stinkberg erklären viele Schautafeln die Geschichte des heutigen Naturschutzgebiets.
57Der weisse HirschBinzhof, 8404 Winterthur
Im Garten des ehemaligen Bauernhauses beim Oberwinterthurer Binzhof steht ein grosses, weiss angemaltes Holztier. Einhorn oder Rentier? Erst aus der Nähe erkennt man: Es ist ein weisser Hirsch. Geschaffen hat ihn der Winterthurer Künstler Peter Imfeld, der ihn im Eschenbergwald mit einer Kettensäge aus einem Holzstamm schälte und weiss bemalte – das Tier scheint aus dem Boden gewachsen und mit ihm verankert zu sein. Was die Skulptur dort zu suchen hatte, bleibt eine offene Frage. Zweimal im Jahr öffnen Winterthurer Künstler ihre Ateliers für das Publikum: im Frühjahr beim Ateliermarathon, im Herbst bei den Open Doors (http://winterthur.art-map.ch).
58Der Vitaparcours LindbergTössertobelstrasse, 8404 Winterthur
Wären nicht die vielen bunten, wild durcheinander angebrachten Zettel, Postkarten und Plakate von Yoga-Schulen, Schuhhändlern und Reiseanbietern, könnte man den Unterstand beim Vitaparcours Lindberg fast für eine Futterkrippe halten. Statt heufutternder Rehe trifft man mitten im Lindberg aber auf unterschiedlich fitte Läufer, die sich zum gemeinsamen Training versammeln, ihre Muskeln mit Dehnübungen aufwärmen und dann auf die 2,7 Kilometer lange Waldlaufstrecke gehen. Der Vitaparcours am Lindberg bietet mit 15 Trainingsstationen für jedes Niveau etwas. Laufsportbegeisterte treffen sich im Sommer jeden Dienstag um 18.30 Uhr und ganzjährig am Sonntag um 10 Uhr beim Parkplatz am Römerholz, rund 800 Meter entfernt.
59Die längste TreppeRychenbergstrasse 140, 8404 Oberwinterthur
Exakt 425 Meter misst die längste Treppe Winterthurs, die quer durch die Weinreben steil zum Goldenberg hinaufführt, einem gefragten Ausflugsrestaurant, und weiter zum beliebten Aussichtspunkt Bäumli. Einfach zu finden ist sie nicht, deshalb hat die Stadtverwaltung an der Ecke Rychenbergstrasse/Im Leesteig gegenüber der alten Kantonsschule ein auffälliges weisses Schild mit schwarzer Aufschrift «Goldenberg» aufgehängt. Sie zu finden ist das eine, sie zu bewältigen das andere: Rund 275 Stufen wollen erklommen sein, was etwas Ausdauer verlangt. Oben angekommen, lässt sich auf der Mauer beim Bäumli wunderbar sonnen – ein Vergnügen, dem bei schönem Wetter zahlreiche Winterthurer frönen.
60Die MusikwieseRychenbergstrasse 94, 8404 Oberwinterthur
Hinter dem imposanten Eisentor mit kunstvoll geschmiedeten Rosenblüten und einem Engelsgesicht in der Mitte öffnet sich eine Märchenwelt: Das zinnenverzierte, auf einer Anhöhe thronende ockerfarbene Backsteingebäude mit verschlungenen Kiespfaden, majestätischen Bäumen und lavendelgeschmückten Rosenbeeten am Rasenrand könnte aus einem Walt-Disney-Film stammen. Erbaut wurde die Villa Rychenberg samt Parkanlage 1888 für den Unternehmer Theodor Reinhart; nach seinem Tod erbte 1919 der drittälteste Sohn Werner das Anwesen. Das Musikkollegium tritt auch an anderen Orten Winterthurs auf, manche Konzerte sind sogar kostenlos – eine Platzreservierung empfiehlt sich dennoch.
61Der Gedenkstein für J. PfauLindbergstrasse, 8404 Winterthur
Auf einer Waldlichtung an der Lindbergstrasse stösst man auf eine fast mystische Szene: ein majestätischer Gedenkstein im einfallenden Sonnenlicht, zu dem ein schmaler Waldweg führt. «Jakob Pfau» steht in grossen Lettern darauf, dazu «Amtmann Winterthur, starb hier an einem Schlagfluss». Der Stadtrat erlag am 12. November 1849 während einer Jagd den mutmasslich stressbedingten Folgen einer Arbeitsüberlastung. Pfau stammte aus einer Winterthurer Ofenbaufamilie und war im Stadtrat für das Spital- und das Armenamt zuständig; jährlich musste er über seine Amtsführung Auskunft geben, und ein Jahr vor seinem Tod beklagte ein Ausschuss seine nachlässige Rechnungslegung. Vom Gedenkstein ist es nicht weit zur Aussichtsterrasse Bäumli; der Spaziergang lässt sich auch Richtung Seuzach fortsetzen.
62Der RömertempelHohlandstrasse, 8404 Oberwinterthur
Vom prachtvollen Tempel, den die Römer um das Jahr 80 vor Christus in Oberwinterthur bauten, sind nur wenige Steine auf dem Kirchhügel bei der reformierten Kirche Sankt Arbogast übrig. Die Steinmauern auf der Rasenfläche vor der Kirche lassen die Grösse der Anlage erahnen, doch ihr Aussehen im Detail vorzustellen fällt schwer. Historiker haben genauere Vorstellungen: Ihre Zeichnungen zeigen einen viereckigen Tempel mit umlaufendem Säulengang und ein Thermalbad in unmittelbarer Nähe. «Vitudurum» hiess die römische Strassensiedlung, zu der Tempel und Thermalanlage gehörten. Wird im Quartier gebaut, kommen häufig römische Fundstücke zum Vorschein; wer oberhalb der Kirche Richtung Wald spaziert, stösst auf römische Spuren wie einen Trinkbrunnen im Innenhof einer Wohnsiedlung.
63Das Bistro Da CristinaElse-Züblin-Straße 112, 8404 Winterthur-Hegi
Baukräne, wohin man blickt: Im Winterthurer Quartier Hegi entstehen auf jeder freien Fläche neue Gebäude, manche mit bis zu 300 Wohnungen – eine wachsende Stadt in der Stadt. Wer die Else-Züblin-Strasse entlang der Häuserschluchten hinuntergeht, fragt sich unwillkürlich, ob sich die Menschen hier überhaupt kennen. Spätestens beim kleinen, etwas versteckten Bistro «Da Cristina» wird die Frage beantwortet: Die italienischstämmige Cristina Lanaro führt es mitten in den Neubauten mit viel Herzblut, und es ist der inoffizielle Treffpunkt der Quartierbewohner. Unbedingt die selbst gemachten Eissorten probieren – auch ein Blick auf die Weinkarte lohnt sich.
64Die Frisbee-AnlageGrüzefeldstrasse 63, 8404 Oberwinterthur
Bei schönem Wetter fliegen im Winterthurer Naherholungsgebiet Grüzefeld-Allmend besonders scharfe Wurfscheiben: die Frisbees der Freizeitsportler. Es bleibt ein friedliches Nebeneinander mit Spaziergängern, Joggern, Velofahrern, Hundehaltern, Eltern mit Kleinkindern, Anwohnern und Schrebergärtnern – beim Scheibenwerfen kommen sich die Sportler und die übrigen Parkbesucher kaum in die Quere. Mitten im Bauboom der 1960er-Jahre erklärte der Stadtrat das Areal zur Naherholungszone; anlässlich des Eidgenössischen Turnfests 1984 wurde es zum öffentlichen Park umgestaltet. Ein weiterer Disc-Parcours befindet sich beim Reitplatz bei Winterthur-Töss.
65Die NagliSt. Gallerstrasse 138, 8404 Oberwinterthur
Tack, tack, tack: In regelmässigem Rhythmus heben und senken sich die Hämmer der mächtigen, dreieinhalb Meter hohen Maschinen und schlagen auf dicke Drahtstücke ein. Im gleichen Takt wird der Draht gerichtet und nachgezogen, am einen Ende zugespitzt und am anderen mit einem Nagelkopf versehen, während die fertigen Nägel in Auffangbehälter purzeln. Obwohl die Nägel kalt bearbeitet werden, sollte man sie jetzt nicht anfassen – durch das Hämmern sind sie so heiss, dass man sich Brandblasen holen würde. Die fünf Nagelmaschinen in der historischen Halle stammen von 1895 und stehen noch immer an ihrem angestammten Platz. Der Verein «Industrie- und Bahnkultur-Ausflüge» bietet weitere Führungen an, etwa durch das ehemalige Sulzer-Areal oder die älteste Fabrik der Schweiz (Tel. 052/2027739, www.inbahn.ch).
66Der Bahnhof GrüzeBahnhof Grüze, 8404 Oberwinterthur
Wer beim Bahnhof Grüze in der Oberwinterthurer Industriezone aus dem Zug steigt, fühlt sich in die 1950er-Jahre zurückversetzt: Perrondächer und Bahnsteig erinnern stark an die Architektur dieser Zeit. Sie wurden 1955 errichtet – nicht von irgendeinem Architekten, sondern vom Erfinder der berühmten Schweizer Bahnhofsuhr, Hans Hilfiker. Der Zürcher Ingenieur und Designer entwickelte die weit über Fachkreise hinaus bekannten Bahnsteigdächer zwischen 1952 und 1955 für die Schweizerischen Bundesbahnen (SBB). Nicht überall in Winterthur ist die Design-Bahnarchitektur original: Bei manchen Bahnhäusern wurde unverhohlen kopiert – die Architekten Ernst Jung und Otto Bridler nutzten 1894–1896 die Pläne des Berner Bundeshauses als Vorlage für die Bahnhofsumgestaltung.
67Die Kaffeerösterei KüngSt. Gallerstrasse 129, 8404 Oberwinterthur
Der Duft von geröstetem Kaffee liegt in der Luft, bevor man das sandsteinfarbene Backsteingebäude an der St. Gallerstrasse 129 beim Bahnhof Grüze überhaupt betritt. Seit 1920 im Grüze-Quartier ansässig, pflegt die Familie Küng in vierter Generation die Kunst des Kaffeeröstens. Im Heiligtum der Rösterei gibt es viel zu sehen: die rund 70-jährige Röstmaschine ohne viel Elektronik, heute ein Sammlerobjekt, und die verschiedenen Kaffeesorten, die in sechs Röstgraden verarbeitet werden. Dunkler Espresso röstet bei 198 Grad rund 16 Minuten, der mildere Wiener Kaffee bei 175 Grad nur 13 Minuten. Kleinere und jüngere Röstereien in Winterthur sind etwa das Caffè l'amica mit Barista-Kursen, das Café Natural als mobile Rösterei oder das Einfrauunternehmen Reinhart.
68Die GraffitivandKronaustrasse, 8400 Oberwinterthur
Ein teuflisch grinsender Jack Nicholson blickt von einer Wand, auf einer anderen lugt ein Jugendlicher zwischen bunten Schrottteilen hervor, und ein riesiger mehrköpfiger schwarzer Drache schaut den Betrachter wütend an. Während sich der Nachwuchs an den Wänden des Jugendtreffs mit Graffiti-Pieces austobt, hängen auf der gegenüberliegenden, 600 Quadratmeter grossen Fläche des Briner-Gebäudes Werke von Profi-Sprayern: Schriftzüge in allen Farben und Formen, ein Comic-Tiger, ein Turnschuh mit Tigerklauen. Lange bleiben die Bilder nicht, denn ein- bis zweimal jährlich findet hier ein Graffiti-Jam statt, bei dem die Besten der Szene gegeneinander antreten. Wer mit dem Zug von Zürich nach Winterthur fährt, sieht kurz vor der Stadteinfahrt linker Hand ein «Winterthur»-Artwork des Graffiti-Artists Mauro Masciovecchio.
69Der Saurer-LastwagenBriner AG, Industriestrasse 7, 8404 Oberwinterthur
Wie der himmelblaue, rot-weiss beschriftete Saurer-Lastwagen «Briner Eisen Winterthur» mit der schwarz abgewetzten Stossstange in die zehn Meter lange Glasvitrine am Hauptsitz der Firma Briner gelangt ist, fragt sich wohl jeder davorstehende. 1949 wurde der imposante Oldtimer in der ehemaligen Saurer-Autofabrik in Arbon am Bodensee nach den Wünschen der Briner-Firmenchefs zusammengesetzt; er war eines der ersten Transportfahrzeuge des 1878 gegründeten Bauhandelsunternehmens. Mit ihm wurde alles befördert, was zum Errichten von Stahlbauten wie einer Lagerhalle nötig war – Stahlträger, Bleche, Kabel für die Haustechnik. Wer Saurer-Oldtimer liebt, besucht das Saurer Museum in Arbon, wo in der ehemaligen Produktionshalle renovierte Fahrzeuge stehen (www.saurermuseum.ch).
70Hitlers EicheGrüzefeldstrasse 30, 8400 Winterthur
«Olympiade Berlin 1936, Sieger im Freiübungsturnen» steht auf dem Granitstein unter einer Eiche beim Parkplatz des Sportplatzes Deutweg – eine Ehrung für Georg Miez, den erfolgreichsten Schweizer Turner aller Zeiten. Geboren am 2. Oktober 1904 an der Schaffhauserstrasse in Töss, gewann er zwischen 1924 und 1936 acht olympische Medaillen: vier goldene, drei silberne und eine bronzene. Diesen Rekord hat ihm bis heute kein Schweizer Sportler streitig gemacht. Miez hegte keine Sympathien für die Nazi-Politik, nahm aber 1936 in Berlin teil, weil er vor seinem Rücktritt im Bodenturnen Gold gewinnen wollte – einer Disziplin, in der er bis dahin nicht die Nummer eins war. Nicolas Hermann schrieb eine Diplomarbeit über Miez, abrufbar unter dem Suchwort «Miez» auf www.winterthur-glossar.ch. Wer lieber selbst Sport treibt, ist beim Deutweg richtig: im Sommer mit Jogging-Gruppen, im Winter in der nahen Eishalle; zudem entsteht ein neues Sportzentrum.
71Minigolf im DunkelnOberer Deutweg 4, 8400 Winterthur
Wer das Fantasy-Minigolf im Untergeschoss der ehemaligen Schmirgel- und Schleifscheibenfabrik am Oberen Deutweg betritt, gerät in eine 500 Quadratmeter grosse, surreale Unterwelt: Sobald die Tür schliesst, umgibt einen undurchdringliche Rabenschwärze. Eine Weile dauert es, bis sich die Augen gewöhnen und die neongelben Umrisse der 18 Bahnen sowie die mehr oder weniger erschreckenden Wandgemälde im ehemaligen Luftschutzbunker hervortreten. Wer mehr Action möchte, kann im angrenzenden Lasertag-Park eine moderne Form von «Räuber und Polizei» spielen: Bis zu 30 Spieler treten gegeneinander an und sammeln Punkte, indem sie mit LED-Licht auf den Sensor an der Weste eines Mitspielers zielen.
72Die Birken-BoulderhalleOberer Deutweg 4, 8400 Winterthur
Die mächtigen granitfarbigen Gesteinsbrocken in der Halle beim Deutweg wirken täuschend echt – wären da nicht überall rosarote, blaue und gelbe Zettelchen, die verschieden schwierige Kletterrouten markieren. Sie tragen Namen wie Klippenquergang, Pandora, Sonnenwende oder Balletttänzer. Die Sportart, bei der man ohne Sicherheitsseil über echte oder künstliche Felsblöcke klettert, heisst Bouldern. In der Natur sorgen Kletterer selbst für Sicherheit; in der 800 Quadratmeter grossen Blockfeld-Halle federn 30 Zentimeter dick gepolsterte weisse Matten einen Sturz auch aus viereinhalb Metern Höhe ab. Wer Gefallen gefunden hat, kann sich an grösseren Wänden mit Seilpflicht erproben, etwa in der Kletterhalle 6plus an der Klosterstrasse 7 in Winterthur-Töss.
73Der SchrottgartenMaag Recycling, Werkstrasse 12, 8400 Winterthur
«Zutritt nur für Berechtigte», warnt ein Schild an der vergitterten Treppe, die an der Werkstrasse 7 zum «Garten des Schrotthändlers» auf dem mittleren Parkdeck des Maag-Recyclinghofs führt. Wer sich nicht abschrecken lässt, entdeckt einen bemerkenswert originellen Park, der vor über zehn Jahren als Ausgleich für die neuen Parkplätze im Maag-Areal entstand und 2004 von der Architekturfachzeitschrift «Hochparterre» mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Knallig pinkfarbene Tröge mit wucherndem einheimischem Grün auf kaugummigrünem Untergrund – grösser könnte der Kontrast kaum sein. Wer etwas zu entsorgen hat, kommt am besten am Samstag früh; am späteren Morgen herrscht Hochbetrieb und ein Verkehrschaos, das die Zufahrtsstrassen blockiert. Zum Bahnhof Grüze (Ort 7) und zur Kaffeerösterei (Ort 45) sind es nur wenige Gehminuten.
74Die Silvio-Mattioli-PlastikRömerstrasse, 8400 Winterthur
Man könnte meinen, eine zusammengestauchte Zugkomposition der SBB vor sich zu haben – nicht nur wegen der rot-blauen Farbe, die an Züge und Waggons erinnert, sondern auch wegen der Ausmasse: Ungefähr fünf Meter hoch und 16 Meter breit ist Silvio Mattiolis Eisenplastik, die von den Winterthurern «Das Eisenbahnunglück» genannt wird. Pikanterweise steht das Werk seit 1970 im Park vor dem Personalrestaurant der ehemaligen Winterthurer Versicherung, der heutigen Axa. Ob das Zufall war? Eine weitere Skulptur Mattiolis, eine acht Meter hohe Eisenplastik, steht vor dem Rieter-Gelände beim Eingang an der Schlosstalstrasse 43 in Töss.
75Die TeuchelRömerstrasse, 8400 Winterthur
Ortsbezeichnungen wie «Teuchelweiherplatz» begegnen einem in Winterthur öfter – doch was sind Teuchel? Gemeint sind historische Holzleitungen, die jahrhundertelang Wasser aus den umliegenden Quellen in die öffentlichen Brunnen und Badehäuser leiteten. Wo Autofahrer heute unterirdisch parkieren, wurden ab den frühen 1830er-Jahren unbearbeitete Baumstämme und fertige Holzwasserleitungen in eigens angelegten Weihern gelagert, damit das Holz nicht vorzeitig rissig und spröde wurde. Für einen Teuchel bohrten Experten die Stämme von beiden Seiten an und führten den Bohrer waagrecht, bis sich die Bohrungen in der Mitte trafen. Wer mehr über die historische Wasserversorgung erfahren möchte, sollte die Eulach-Führung von Winterthur Tourismus mitmachen.
76Die SeidenwebereiSt. Gallerstrasse 42, 8400 Winterthur
Das graue Häuschen wirkt von den umliegenden fünfgeschossigen Wohnbauten fast erdrückt. Neben dem Verwaltungsgebäude und dem Kosthaus ist das sogenannte Kesselhaus ein Überbleibsel jener Zeit, als hier Kunstseidenartikel für Kleider, Krawatten und Kopfbedeckungen sowie hochwertige Seidenstoffe für namhafte Kunden wie das holländische, schwedische oder englische Königshaus entstanden. Die zwei Flammrohrkessel der Firma Sulzer, die man durchs Fenster sieht, trieben die Webmaschinen an und beheizten das Fabrikgebäude, in dem meist weibliche Arbeiterinnen an 400 Webstühlen Seidenwaren herstellten. Wer mehr über die Geschichte erfahren möchte, bucht eine einstündige Führung beim Verein Inbahn (www.inbahn.ch).
77Das Naturbad GeiselweidPflanzschulstrasse 6a, 8400 Winterthur
Wer den Gesprächen der Winterthurer lauscht, hört oft Bedauern darüber, dass die Stadt keinen eigenen See hat. Stimmt – an Möglichkeiten, an heissen Tagen ins kühle Nass zu springen, fehlt es aber nicht. Das grösste und älteste Freibad der Schweiz ist das Geiselweid: 1911 auf 900 Quadratmetern eröffnet, war es das erste Schweizer Freibad mit einem 50 Meter langen Olympia-Schwimmbecken. Seither hat das «Geisi» nichts von seiner Beliebtheit eingebüsst; bei sonnigem Wetter vergnügen sich dort täglich rund 2.500 Personen. In seiner langen Geschichte zeigte es sich allerdings nicht immer von der besten Seite. Weitere Bäder gibt es in Oberwinterthur, in Töss, in Wülflingen und auf dem Wolfensberg – jedes mit eigenen Eigenheiten.
78Der SelbstbedienungsladenPflanzschulstrasse 17, 8400 Winterthur
«Läbesrum Hofladen» steht in hellblauer Schrift auf dem orangefarbenen Schild über dem weiss-orange gestreiften Rolladen. Im freundlichen Geschäft an der Pflanzschulstrasse gibt es viele hausgemachte Erzeugnisse der gleichnamigen Sozialfirma, die Menschen beschäftigt, die auf dem Arbeitsmarkt keine reguläre Stelle finden. Die Auswahl fällt schwer: In den Regalen und hübsch dekorierten geflochtenen Körben locken Johannisbeergelee, Erdbeerkonfitüre mit Rhabarber, Kürbis-Chutney, getrocknete Erdbeeren, Apfel-Zimt-Chips, Sugo, eingemachte Gurken sowie selbst gepresster Süssmost, Holunder- und Quittenmost. Wer davon hungrig wird, kann sich im angrenzenden Restaurant Eulachstrand für 15 Franken ein Mittagessen gönnen – mit Suppe oder Salat vom Buffet, Hauptspeise und Dessert.
79Der EschenbergsturmEschenbergstrasse, 8400 Winterthur
«Eiffelturm» nennen die Winterthurer ihren 30 Meter hohen Stahlfachwerkturm auf 591 Metern über Meer im Süden der Stadt, auf dem höchsten Punkt des Eschenbergs. Rund zehnmal kleiner als das Pariser Wahrzeichen, entstand er dennoch fast gleichzeitig: Nur wenige Monate nach dem Eiffelturm wurde der Eschenbergturm im August 1889 eingeweiht – vermutlich mit weniger Pomp, aber mit demselben Stolz, zählte Winterthur damit doch zur damaligen Turm-Architektur-Avantgarde der Schweiz. Beim Turm gibt es mehrere Grillstellen und Sitzgelegenheiten; wer lieber im Restaurant isst, findet beim Tierpark Bruderhaus, im Restaurant Eschenberg oder bei der Busstation Breite Gelegenheit dazu.
80Die Seilerei KisligBreitestrasse 18, 8400 Winterthur
Eine Reeperbahn gibt es nicht nur in Hamburg, sondern auch in Winterthur – allerdings nicht im Rotlichtviertel, sondern in einem barackenähnlichen, rund vier Meter breiten und über 100 Meter langen Gebäude mitten im Wohnquartier an der Breite. Auf der sogenannten Reeperbahn entstehen Seile aller Art: Schiffstaue, Trapezseile, Bau-Richtschnüre, Spielplatzseile, Katzenkratzbäume, ja sogar Gewichtsseile alter Pendeluhren. Ganz aussen vor bleibt die Rotlichtszene nicht, gehören doch auch Sadomaso-Anhänger zur Kundschaft. So unterschiedlich die Verwendung, so verschieden sind die Materialien. Wer die Seilerei besichtigen will, vereinbart einen Termin; der Seilerei-Laden ist zu Betriebszeiten öffentlich zugänglich (Mo–Fr 8–12 und 13.45–17.30 Uhr).
81Der RosengartenHochwachtstrasse, 8400 Winterthur
Knorrige alte Eichen und Buchen, ein zierliches, altrosa bemaltes Teehaus mit dunkelgrünen Fensterläden von 1911 und eine bronzene Pferdestatue prägen den Rosengarten am Heiligberg. Man fühlt sich in die Zeit der Romantik versetzt oder in ein impressionistisches Gemälde. Der Blick auf die Stadt wirkt vor dieser Kulisse beinahe surreal: Hier die malerische Parkanlage mit Rosengarten, dort der Sulzer-Tower, die Stadtkirche und das Zentrum Neuwiesen – der Kontrast könnte grösser nicht sein. Auch die Rosenkollektion beeindruckt mit rund 300 Arten und ungefähr 2.900 Rosenstöcken. Wer dem Weg unterhalb des Schulhauses folgt, erreicht nach wenigen Metern einen weiteren Park mit besonderem Blick auf Winterthur, etwa auf mittelalterliche Hinterhöfe oder eine oft übersehene Wiese unweit der Technikumstrasse.
82Die SeifenfabrikRosenstrasse 9, 8400 Winterthur
Auf dem alten Fabrikgelände an der Rosenstrasse scheint die Zeit im 19. Jahrhundert stehen geblieben zu sein: Als hätten die Arbeiter der ehemaligen Seifenfabrik Aspasia gerade erst die Lichter ausgeknipst und kehrten bald zurück. An die ruhmreiche Vergangenheit erinnern die Beleuchtung am alten Fabrikeingang und die verblasste Aufschrift «Aspasia, Seifen und Parfümeriefabrik» auf der ergrauten Passerelle zwischen altem und neuem Gebäude. 1876 von Carl Buchmann-Hauser als «C. Buchmann & Cie» gegründet, wurde die Fabrik 1914 in eine Aktiengesellschaft umgewandelt und in «Aspasia» umbenannt. Wer der Strasse folgt, entdeckt im Quartier weitere ältere Gebäude, die dem Abbruch entkamen, etwa das Helvetia und verschiedene alte Scheunen.
83Das MilchhüsliWildbachstrasse, 8400 Winterthur
Farblich passt das «Milchhüsli» heute zur angrenzenden Reithalle – von seinem ursprünglichen Charme ist aber nicht viel übrig: Das einst mit hübschen Blumenmotiven bemalte, zwiebelbedachte Häuschen wurde mit derselben rotbraunen Farbe wie die Reithalle übertüncht, die bunt verzierten Fensterläden sind verschwunden. Gebaut haben es die Architekten Fritschi & Zangerl, die in Winterthur mehrere Gebäude errichteten, etwa das alte Tramdepot mit Reparaturwerkstätten am Deutweg oder die Reihenhäuser für Post-, Tram- und Eisenbahnangestellte an der Unionstrasse. Ursprünglich stand das zierliche Häuschen am Stadtgarten neben dem Knabenschulhaus, wo heute das Museum Oskar Reinhart ist. In der Reithalle finden regelmässig Anlässe statt, von Fahrradbörsen über Oktoberfeste bis zu Messen wie Cucina & Tavola.
84Die letzte GaslaterneSteinberggasse 13, 8400 Winterthur
Die Laterne im Durchgang von der Steinberggasse 13 zur Technikumstrasse wirkt unspektakulär – solche Leuchten gibt es in der Innenstadt zuhauf. Diese hier ist jedoch einzigartig: Sie ist die letzte funktionstüchtige Gaslaterne Winterthurs. Die Geschichte der Gasbeleuchtung beginnt 1860: Am 20. Januar nahm die «Gasanstalt» an der Rieterstrasse in Töss ihren Betrieb auf. Anfangs beleuchteten 1.500 Lampen die Strassen, etliche Privathäuser und Industriebetriebe wie Rieter; nach knapp sieben Monaten waren bereits 2.200 Leuchten in Betrieb. Die Nachfrage nach Gas stieg so stark, dass die Stadt bald über eine Erweiterung des Gaswerks nachdenken musste. Auf dem Gelände des ehemaligen Gaswerks an der Ecke Schlosshofstrasse/Untere Schöntalstrasse sind die Fundamente der Gasbehälter noch zu erkennen.
85Der GuckkastenSteinberggasse/Ecke Metzggasse, 8400 Winterthur
Immer steht er irgendwie im Weg: der graue, metallene Blechkasten an der unteren Steinberggasse, an dem tagtäglich Hunderte Fussgänger, Velofahrer, Marktbesucher, Mütter mit Kinderwagen und Touristen vorbeiquetschen. Für die meisten Winterthurer ist das blecherne Ungetüm mitten in der Altstadt auf den ersten Blick kein Highlight, sondern ein lästiges Hindernis. Dabei steckt mehr dahinter, als man meint: Wer auf die Beleuchtungstaste drückt, blickt in einen 15 Meter tiefen und zwei Meter breiten Abgrund. «Vorsicht, nur für Schwindelfreie» möchte man Nichtsahnenden zurufen. Die Steinberggasse ist zudem der Ort der Märkte und der Hauptbühnen während der Musikfestwochen; auch kleine Läden gibt es hier, von der Hutmacherei bis zum exklusiven Kleidergeschäft.
86Der FluchttunnelStadtbibliothek, Obere Kirchgasse 6, 8400 Winterthur
Der Winterthurer Stadtrat reagierte im September 1943 nicht überstürzt, als er den Altstadtbewohnern angesichts der bedrohlichen Kriegslage befahl, alle Altstadtkeller durch Tunnel zu verbinden: Bei einem Luft- oder Giftgasangriff sollten sich die Menschen über diese unterirdischen Wege in Sicherheit bringen. Der Gedanke an einen Luftangriff war nicht abwegig, hatten die Alliierten in den Kriegsjahren zuvor doch verschiedene Schweizer Städte mehrfach bombardiert. Nach Kriegsende hiess es offiziell, die Piloten hätten Navigationsfehler gemacht. In der Stadtbibliothek finden regelmässig Veranstaltungen statt, bei denen Wissen unterhaltsam vermittelt wird – Buchvernissagen, geschichtliche Vorträge oder interkulturelle Gesprächstreffs.
87Das MördergrabKirchplatz, 8400 Winterthur
Die Geschichte könnte aus einem Krimi stammen: Eine süddeutsche Adlige vergiftet im 15. Jahrhundert mit Hilfe ihres Geliebten ihren Ehemann. Was hat das mit Winterthur zu tun? Nach dem plötzlichen Tod ihres Mannes gerät die Offenbacherin Elisabetha von Bach unter Mordverdacht, verlässt überhastet ihre Heimat und flieht von Basel über Zürich nach Winterthur. Der finanzschwachen Eulachstadt ist die reiche Bürgerin willkommen, verspricht sie doch hohe Steuereinnahmen; die Aufenthaltsbewilligung folgt prompt. Zunächst verhält sie sich vorbildlich, zahlt ihre Steuern pünktlich und lässt keine Beichte aus. Die aussergewöhnlich bunte Innenbemalung der Kirche, die immer wieder Diskussionen auslöste, stammt vom Berner Maler Paul Zehnder, der zwischen 1924 und 1930 daran arbeitete.
88Ein polnisches DankeschönGewerbemuseum Winterthur, Kirchplatz 14, 8400 Winterthur
«Der gastfreundlichen Stadt Winterthur. Die polnischen internierten Studenten 1940–1945» – so lautet die Inschrift der bronzenen Gedenktafel an der Seitenwand des Gewerbemuseums nahe der Stadtkirche. Sie erinnert an den Zweiten Weltkrieg, als beim Vormarsch der deutschen Armee im Juni 1940 rund 12.000 polnische und 38.000 alliierte Soldaten in den Schweizer Jura abgedrängt wurden. Zuvor waren die Polen vor Hitlers und Stalins Truppen über verschlungene Wege nach Frankreich geflohen, um sich den Alliierten anzuschliessen, die dort polnische Divisionen aufstellten; die zweite Schützendivision sollte den Durchmarsch der Deutschen ins Mittelland verhindern. Manche Polen blieben in Winterthur und hinterliessen Spuren, wie der Künstler Mathis Piotrowski: Seine sechs Meter hohe Stelen-Skulptur «Akrobaten» steht an der Scheideggstrasse bei der Gutschick-Überbauung.
89Die HexengasseObertor 29, 8400 Winterthur
«In der Hexengasse durchzulaufen» sei als Kind eine Mutprobe gewesen, erzählte ein gebürtiger Winterthurer – wohl wegen des überaus unfreundlichen Nachbarn, der die Kinder mit Vergnügen verscheuchte. Unheimlich ist der schmale Durchgang beim Obertor 29 auch ein halbes Jahrhundert später noch, und nicht nur wegen der spärlichen Beleuchtung und der Enge: Die tief hängenden, weiss übertünchten Balken, der abblätternde himmelblaue Verputz und die alten, verdellten dunkelbraunen Bodenplanken wirken bedrückend. «Ich muss hier so schnell wie möglich durch», denkt wohl mancher. Die angrenzende Neustadtgasse lohnt einen Besuch: Hier wohnten einst Handwerker und Kleinbürger, und noch heute gibt es viele kleine Läden jenseits des Mainstreams.
90Das Bistro DimensioneNeustadtgasse 25, 8400 Winterthur
Die knallrot bemalte Wand mit der Pinnwand voller bunter Zettel ist nicht zu übersehen. «Brot an der Schnur» nennt der Inhaber des Bistro Dimensione diese Installation liebevoll. Auf den Zetteln steht «1 kleine Suppe», «1 Menü mit Suppe und Salat», «1 Kaffee, Tee», «Kaffee und Kuchen», «1 Menüsalat» oder «1 Salatteller» – Gutscheine für Menschen, die wenig oder kein Geld haben, um sich im Restaurant mit Mittagsmahlzeiten zu verpflegen, hauptsächlich Sozialhilfeempfänger. Finanziert werden sie von den Gästen, die mit einem «Extra-Batzen» etwas Gutes tun; die Vielzahl der Zettel zeigt, dass sich die Kundschaft nicht lumpen lässt. Nur wenige Schritte entfernt liegt ein weiteres soziales Unternehmen, die Stadtmuur, wo Jugendliche in einem Integrationsprojekt köstliche Mittagsmahlzeiten zubereiten (Holderplatz 2, https://stadtmuur.ch).
91Kein ObertorObertor, 8400 Winterthur
Wie jede mittelalterliche Stadt hatte Winterthur mehrere Tore, durch die man in den Schutz der Stadtmauern gelangte – auch am Obertor, wo heute nur noch der Name an das trutzige Tor erinnert, das einst das Stadtbild schmückte. Dass das nicht übertrieben ist, belegen Zeitzeugen aus dem 18. Jahrhundert, die Winterthur mit seinen damals noch bestehenden Toren, Türmen, Zinnen und Mauern als eine der schönsten Schweizer Städte betrachteten. Im 19. Jahrhundert hatte die Bevölkerung jedoch wenig Sinn für den Erhalt historischer Bauten: Die Stadt sollte umgestaltet werden, um Bevölkerungszuwachs und wachsendem Verkehr gerecht zu werden. Ein Überbleibsel der alten Stadtmauer findet sich im «Türmlihaus» an der Technikumstrasse 36 – der integrierte Turm ist der letzte erhaltene mittelalterliche Wehrturm Winterthurs.
92J.J. Scherers GrabsteinRömerstrasse 8, 8400 Winterthur
Etwas verloren und fehl am Platz steht sie im Schatten einer Linde im Lindengutpark: die mit steinernen Eichenblättern umrankte Grabsäule des Bundesrats Johann Jakob Scherer, der 1878 während seiner Amtszeit mit 53 Jahren starb. Keine Inschrift ziert den angegrauten Stein, die den Schleier des Vergessens über Scherers Schaffen lüften würde – falsche Schweizer Bescheidenheit? Vielleicht, denn der Sohn eines Pferdehändlers brachte es weit: 1847 nahm er am Sonderbundskrieg teil, durchlief verschiedene militärische Stationen und erreichte als Oberst den Zenit seiner militärischen Karriere. Sein ehemaliger Wohnsitz, der «Jakobsbrunnen», steht an der Schwalmenackerstrasse 4 im Inneren Lind.
93Die Akazia-LogeSchwalmenackerstrasse 7, 8400 Winterthur
Das hinter dicht wachsenden Tannen versteckte, trutzige Haus an der Schwalmenackerstrasse wirkt einschüchternd – als sei dort etwas verborgen, das vor neugierigen Blicken geschützt werden muss. Der Bau neben dem kleinen abgeschiedenen Park könnte aus einem Dan-Brown-Film stammen, denn unter den Giebeln finden sich seltsame Symbole, die auf einen Geheimbund hinweisen: ein Stern aus Winkel und geometrischem Dreieck, in dessen Mitte ein in die Ferne blickendes Auge prangt, umwunden von einer Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beisst. Es sind Symbole für Geist und Materie, für Ewigkeit und das Werden und Vergehen. Wer genauer hinschaut, entdeckt rund ums Haus weitere Zeichen. Von 1866 bis 1904 gehörte der Freimaurerloge Akazia neben diesem Haus auch die «Loge» am Oberen Graben, wo heute eine Bar, ein Hotel und ein Kino sind.
94Das FC-Barcelona-HausJakobstrasse 7, 8400 Winterthur
Am 22. November 1877 um halb acht Uhr morgens beginnt in einem vornehmen Eckhaus an der Jakobstrasse 7 in Winterthur die Erfolgsgeschichte des FC Barcelona: Hier wird der FCB-Gründer Hans Max Gamper als Sohn eines geschäftstüchtigen Kaufmanns geboren. Eine verwitterte Tafel an der Fassade erinnert noch heute an seinen Werdegang. In Winterthur verbringt Gamper nur die ersten Lebensmonate, dann zieht die Familie nach Langenthal und später nach Zürich, wo er eine kaufmännische Lehre im Seidengeschäft Grieder absolviert. Der junge Hans Max ist ein Ausnahmesportler: Rennradfahren, Leichtathletik oder Fussball – was er anpackt, trägt Früchte, am meisten prägt ihn jedoch der Fussball. Wer selbst Fussball mag, lässt sich die Spiele des FC Winterthur auf der Schützenwiese nicht entgehen.
95Das LokdepotLindstrasse, 8400 Winterthur
Steigt man die Treppen von der Lindstrasse beim Kantonsspital am nördlichen Ende des Bahnhofs zur historischen Depotwerkstattanlage hinunter, fällt als Erstes die ausgemusterte rostbraune «Steckdosen-Lok» auf, die mit 250 Volt Gleichstrom fuhr. Gebaut von der Schweizerischen Industriegesellschaft (SIG), transportierte sie neue Eisenbahnwagen vom Neuhausener Werk zum Bahnhof. Seit fast 15 Jahren steht die alte Lok auf dem Areal des SBB-Lokdepots – wohl nicht mehr lange, denn der Platz soll umgenutzt werden, dann muss sie weichen. Daneben gibt es mehrere historische Gebäude, in denen Eisenbahnen repariert, gewartet oder abgestellt wurden. Wer die alte Schmiede sehen will, in der früher mit Amboss und Hammer Ersatzteile auf einer Eisen- und einer Aluminium-Esse gefertigt wurden, bucht einen Rundgang beim Verein Inbahn (Tel. 052/2027739, www.inbahn.ch).
96Die Villa SträuliMuseumstrasse 60, 8400 Winterthur
Schon zu Lebzeiten von Doris Sträuli-Keller (1912–2003) war der legendäre Musiksalon in der gleichnamigen Neubarock-Villa ein Ort der Gastfreundschaft und Begegnung. Damals kamen nur auserwählte Gäste in den Genuss der musikalischen Salonveranstaltungen; seit 2006 ist die Villa an der Museumstrasse einem breiteren Publikum zugänglich. Vor der Eröffnung wurde das denkmalgeschützte Haus innen erneuert, ohne die Fassade grundlegend zu verändern: Die Veranda wurde zum lichtdurchfluteten Bistro, der Öltankraum im Kellergeschoss zum Musikzimmer, die oberen Stockwerke zu Büros und drei Künstlerateliers. Im Winter speist man im Bistro und im ehemaligen Esszimmer, im Sommer wird im weitläufigen Garten über Mittag aufgetischt – eine Reservation empfiehlt sich.
97Der MusikpavillonMerkurplatz, 8400 Winterthur
Über den Musikpavillon beim Stadtpark verlieren die Winterthurer nicht viele Worte – über die «teuerste Parkbank Europas», wie eine bekannte Tageszeitung ihn spöttisch nannte, spricht man nicht gerne. Dabei wollte die Stadt 1991 nur Gutes tun und «Musizierenden aller Stilrichtungen» an zentraler Lage eine Auftrittsmöglichkeit schaffen. Nach der Einweihung zeigte sich, dass die Bühne viel zu klein war, weshalb man weitere 130.000 Franken investierte und sie um 26 Quadratmeter erweiterte. Trotzdem wurde der Pavillon nur wenige Male genutzt. Ein weiterer ausgedienter Musikpavillon steht im Vogelipark an der General-Guisan-Strasse: Er war 1883 an der Landesausstellung in Zürich aufgestellt, gelangte danach in den Villengarten von Georg Schoellhorn und wurde 1975 «zur Verschönerung des Stadtbilds» an seinen heutigen Standort versetzt.
98Die Alain-Garnier-PlastikMerkurplatz, 8400 Winterthur
Picasso oder nicht? Wer an der abstrakten Pfauenfigur mit den etwas schief geratenen Gesichtszügen aus Metallschrott vorbeispaziert, könnte ins Grübeln geraten – wenn er sie überhaupt bemerkt, steht die Eisenplastik doch versteckt hinter dem Musikpavillon beim Eingang zum Parkhaus Stadtgarten. Die Ähnlichkeit mit Picassos abstrakten Porträts der späten 1930er-Jahre ist nicht von der Hand zu weisen und auch kein Zufall: Alain Garnier (1926–2005) begegnete Picasso tatsächlich im französischen Töpferdorf Vallauris, wo sich beide mit Keramiktechniken beschäftigten. Zu den rund 360 Kunstwerken im öffentlichen Raum Winterthurs gibt es unter www.editionwinterthur.ch weiterführende Informationen; eine auffällige Lichtskulptur steht beim Eingang des Theaters Winterthur an der Theaterstrasse.
99Das Denkmal Jonas FurrersEcke Merkurstrasse/Theaterstrasse, 8400 Winterthur
Der Mann auf dem Denkmalsockel bei der Merkurstrasse hat Patina angesetzt und blickt sorgenvoll herab – mit gutem Grund, hatte Jonas Furrer als erster und mehrfach wiedergewählter Schweizer Bundespräsident und Bundesrat doch zeitlebens viele politische Herausforderungen zu meistern. Als Sohn eines Schlossermeisters war eine fulminante Karriere nicht vorhersehbar, doch der am 3. März 1804 an der Steinberggasse geborene Furrer studierte Rechtswissenschaften und arbeitete als Rechtsanwalt. Als Liberaler wollte er die Rechte und Freiheiten der Bürger neu ordnen und wurde 1842/43 an die Tagsatzung berufen, welche die Eidgenossenschaft neu gestalten sollte. Sein Geburtshaus steht an der Steinberggasse 18; eine Gedenktafel über dem Claro-Weltladen erinnert an «Dr. Jonas Furrer, Erster Schweizer Bundespräsident 1805–1861».
100Anton Graffs GeburtshausUntertor 8, 8400 Winterthur
Eine «Bausünde» könnte man das Haus am Untertor 8 nennen – dabei wurde hier am 18. November 1736 der Porträtmaler Anton Graff geboren. Nur eine ergraute, kaum lesbare Tafel an der plattenbauähnlichen Fassade erinnert an den gebürtigen Winterthurer, der als kurfürstlicher Porträtmaler am sächsischen Hof in Dresden arbeitete und zum Professor für das Porträtfach an der Dresdner Kunstakademie sowie zum Ehrenmitglied der Akademie der Künste in Berlin ernannt wurde. Zeitlebens malte Anton Graff über 800 Gesichter und gilt noch heute als bedeutendster Porträtmaler seiner Zeit; sein bekanntestes Bild, Friedrich der Grosse von 1781, ist das am häufigsten kopierte Porträt des Preussenkönigs. Winterthur hat ihn nicht vergessen: Die Anton-Graff-Strasse und das Anton-Graff-Haus mit Berufsschule tragen seinen Namen.
ZielEndeZurück am Hauptbahnhof
Das war der letzte der 105 Orte. Viele Wege durch Winterthur liegen noch vor dir, und die Sammlung lässt sich in beliebiger Reihenfolge wiederholen. Wenn du magst, beginne mit einem Ort, der dir besonders gefallen hat, und zeige ihn jemandem.
Häufige Fragen zur Tour
Wie lange dauert die Tour „105 Orte in Winterthur“?
Die Tour umfasst 100 Stationen und dauert 4–5 Stunden. Du kannst jederzeit pausieren und in deinem eigenen Tempo weiterhören.
Wo startet die Tour „105 Orte in Winterthur“?
Der Rundgang beginnt bei Hauptbahnhof Winterthur in Winterthur. Den genauen Startpunkt und alle Stationen findest du in der Karte der Audio-Tour.
Brauche ich Internet für die Audio-Tour?
Nein. Nach dem einmaligen Speichern der Audios funktioniert die Tour offline. Nur die Live-Karte von OpenStreetMap benötigt eine Internetverbindung.
Kann ich die Tour auch zu Hause hören?
Ja. Die Audios lassen sich überall abspielen. Optional kannst du die Wiedergabe in der App auf den Umkreis der Stationen beschränken.